Pressespiegel:

  • 25. April 2010
Bergische Landeszeitung, Samstag 24. April 2010, Seite 42

Vertraut werden mit dem Fremden

Pilotprojekt "Sportvereine und Integration vor Ort" eröffnet.
Mit einer prominent besetzten Podiumsrunde hat der Heiligenhauser Sportverein (HSV) das Pilotprojekt "Sportvereine und Integration vor Ort" eröffnet. Im Herbst soll der Staffelstab an einen anderen Verein weitergegeben werden.

von GUIDO WAGNER

HEILIGENHAUS. "Ich habe von der Jugend an Fußball gespielt, wer aber als Ausländer nicht wie ich schon als Kind in Deutschland war und dann keinen Sport betreibt, der hat's schwieriger. Im Sport ist man aufeinander angewiesen, in der Schule verfolgt doch eher jeder sein eigenes Ziel", sagt José Pierre Vunguidica. Der U 23-Fußballer des 1. FC Köln, der heute auch als Nationalspieler für sein Heimatland Angola spielt, kennt die Integrationskraft des Sports.

Von der sprach er auch in der Podiumsdiskussion zum Auftakt des Themenjahres "Sportverein und Integration", das der Heiligenhauser SV als Pilotprojekt mit Unterstützung der Kreissparkasse Köln und Landrat Rolf Menzel als Schirmherr aus der Taufe hob.

"Sportvereine haben eine Schlüsselrolle bei der Integration", so HSV-Vorsitzender Oliver Hahn. Noch in diesem Monat will der Verein ein eigenes Integrationsteam installieren, das auch die Zusammenarbeit mit den Schulen fördern soll. Ebenso könnten sich für den geplanten KSK-Integrationspreis Vereine in Zusammenarbeit mit Schulen und sozialen Einrichtungen bewerben, so Dieter Porzberg vom HSV-Vorstand.

Für das Fußball-Camp mit Profi und Jugendtrainer vom 1. FC Köln in den Herbstferien dürfen neben dem Verein auch Heime und die Tafel Teilnehmer vorschlagen, erläuterte Marianne Brochhaus, Regionaldirektorin der Kreissparkasse Köln, die Vernetzungsidee des Projekts. Dabei gehe es nicht allein um Integration von Menschen mit Migrationshintergrund, sondern beispielsweise auch um soziale Integration, erklärte Moderator und Unterstützer Dr. Oliver Schillings.

Zwar gibt es beim 1150 Mitglieder zählenden HSV keine Spielersitzungen mit vier Dolmetschern, wie sie U 23-Trainer Frank Schaefer vom 1. FC Köln aus dem Bundesliga-Fußball kennt, doch auch im HSV haben 10 bis 15 Prozent der Mitglieder einen Migrationshintergrund. Deshalb sollen auch Trainer und Betreuer geschult werden. Es sei wichtig damit umgehen zu können, dass beispielsweise türkische Mitspieler nur in der Badehose duschen, oder beim Abschlussgrillen ein zweiter Grill besorgt werde, auf dem kein Schweinefleisch brutzele, so die Organisatoren.

Von eigenen Erfahrungen als "Fremder" in einem anderen Land wusste Jens Nowotny den rund 90 interessierten Zuhörern zu berichten. Er hat in seiner Laufbahn als Profifußballer auch in Zagreb gespielt. "Entscheidend ist, dass man sich bemüht, die Sprache zu lernen, zumindest den Grundwortschatz", so Nowotny.

Sprache, Bildung, Ausbildung und Beruf seien die Bausteine, ohne die Integration nicht funktioniere, bestätigte Landrat Menzel. Kritisch bewertete Dr. Stephan Osnabrügge, Vize-Präsident des Fußballverbandes Mittelrhein, deshalb Vereine, "die sich abschließen" und beispielsweise nur noch Türkisch sprechen. "Integration ist keine Einbahnstraße, sie muss von beiden Seiten kommen", so Osnabrügge. Gerade der Fußball eigne sich zu Integration: "Dem Ball ist es egal, ob ein Christ oder ein Moslem dagegen tritt."

Auch wenn das Publikum den Integrationsbereitschaftstest von Moderator Schillings bestand und es beispielsweise nicht als Problem empfand, wenn ein ausländischer Übungsleiter das eigene Kind trainiert, zeigte sich auch im Saal, dass es notwendig ist, weiter aufeinander zuzugehen. So wurde der Sport- und Kulturverein Adler aus Kürten zunächst selbst von Fußballfunktionären kritisch als Eigengründung von Russlanddeutschen bewertet. Bis SPD-Politikerin Helene Hammelrath, die den Abend wie ihr CDU-Kollege Rainer Deppe verfolgte, gemeinsam mit Raphaela Hänsch von der Caritas darauf hinwies, dass der Verein ein deutscher mit russlanddeutschem Schwerpunkt und sehr an Integration interessiert sei.

Um die Nachhaltigkeit des beim HSV gestarteten Pilotprojektes zu sichern, soll der Staffelstab von "Sportvereine - Integration vor Ort" jeweils nach Ablauf eines Jahres an den nächsten Verein im Kreisgebiet weitergegeben werden.