Pressespiegel:

  • 19. Januar 2010
Remscheider Generalanzeiger - Dienstag, 19. Januar 2010

"Wir müssen uns gelegentlich an unsere Wurzeln erinnern"

Von Thomas Wintgen

Der Unterbezirk Rhein-Berg und die Kreistagsfraktion haben zu ihrem Neujahrsempfang Wilfried Schmickler eingeladen. Die "Keule" aus den "Mitternachtsspitzen" sorgt mit dafür, dass total viele Menschen ins Kreishaus kommen. In erster Linie geht es um Helene Hammelrath MdL aus Bensberg, welche gerade ihr 60. Lebensjahr vollendet hat.
Landtags-Kollege Marc Jan Eumann (Köln) - einst Redenschreiber für "Münte" - hält eine brillante Rede. Fritz Roth, Vorsitzender des Einzelhandelsverbandes in Bergisch Gladbach, will nicht nachstehen. Der Bestatter ("Ich halte Trauer- und Reden bei SPD-Neujahrsempfängen") regt zum Thema Gesundheitspolitik an, "dass die Abwrackprämie gegebenenfalls auch auf andere Probleme anwendbar" sei . . .

Hammelrath formuliert die einzige Wahlkampf-Rede des Tages: Die "größte erneuerbare Energie" sei die Bildung. Bund und Land bäten die Kommunen "unentwegt zur Kasse"; es fehlten aber "Realismus und Visionen", weshalb "wir die Landesregierung ablösen werden".

69 Prozent der potenziellen Studenten verzichteten wegen der Gebühren aufs Studium; es gebe 5 000 unbesetzte Lehrerstellen im Land, aber die schwarz-gelbe Landesregierung verkürze die Schulzeit. "Bundes- und Landesregierung kündigen die Grundlagen des föderalen Systems auf", schimpfte Hammelrath, und bauten die Solidarität mit den Kommunen ab.

Gerhard Zorn, der Vorsitzende des Unterbezirks Rhein-Berg der SPD, formuliert eingangs, dass die SPD seit 1863 "sturmerprobt" sei. "Wie müssen uns gelegentlich an unsere Wurzeln erinnern, um standhaft zu bleiben." Eingedenk der Wahl-Niederlagen beschäftige sich die SPD Rhein-Berg zurzeit nicht nur mit der Vergangenheit, sondern vor allem mit der Zukunft.

Sie wolle das auch tun im Dialog mit Kirche, Sozialverbänden und Arbeitgebern. Zorn: "Denn wir wollen die Partei der sozialen Gerechtigkeit sein und als solche wahrgenommen werden".

So wie Schwarz-Gelb diese Koalition gestartet habe, sei "auch jedes Ende einer Koalition gut vorstellbar". Die Koalition setze den sozialen Frieden aufs Spiel. Die Steuersenkung setze Kindertagesstätten, den ÖPNV und alles Mögliche aufs Spiel.

"Wir müssen wieder über Arbeit und den Wert von Arbeit reden", sagt Zorn. Schlecker zeige, dass soziale Probleme drängender würden, und dass die Sozialdemokratie heute dringender gebraucht werde als sonst - nicht zuletzt für die wichtige Diskussion darüber, "dass Arbeit etwas wert ist".

Zum "Rohrkrepierer des schwarz-gelben Tigerenten-Kabinetts" äußert sich anschließend der Kabarettist Wilfried Schmickler, welcher zunächst die Luft raus lässt. Abkotzen tut er aktuelle Dinge, ansonsten sind es Zusammenhänge aus seinem aktuellen Programm.

Es gäbe ohne Ende mitzuschreiben, nicht nur, dass im Keller schon wieder die Sachen hochglanzverpackt werden, die "unsere" Banken arg lädiert haben. "Die nächste Blase auf dem Finanzmarkt platzt bestimmt."

Es gebe nurmehr ein Ideal: das der Anhäufung von Kohle. Demgegenüber gebe es mehr als 1,5 Millionen Kinder in Armut. Es gebe einen alarmierenden Bildungsnotstand - vorerst nur von Kindern mit Migrationshintergrund. "Aber bald", sagt Schmickler, "haben alle den gleichen Hintergrund: nämlich gar keinen".

Des Kabarettisten Fazit: Ein Sozialstaat, der nicht willens ist, seine wichtigsten Mitarbeiter (Kindergärten, Schulen) angemessen zu entlohnen, hat diesen Namen nicht verdient."